Klaus Fengler

Outdoor Photography

Reportage: Die zwei Seiten des Monte Rosa

Die zwei Seiten des Monte Rosa

Von

Verena Stitzinger

Rund um das mächtige Monte Rosa-Massiv eröffnen sich Skifahrern fantastische Möglichkeiten. In der atemberaubenden Bergwelt, umgeben von 4000 Meter hohen Gipfeln, lassen sich Pulverschnee und Firn in vollen Zügen genießen. Auf der Nordseite lockt im Wallis Saas Fee mit schneereichen Wintern, auf der Südseite versprechen die Hänge von Alagna und Gressoney oberhalb des italienischen Aostatales ein „Freeride-Paradise“. Oft sind die Verhältnisse traumhaft: Meterweise Schnee, Powder vom Feinsten und dazu Sonnenschein. Doch auch hier gibt es eine andere Seite. Im Hochgebirge kann es auch gemein kalt sein, riskant und furchteinflößend. Dann stehen Sturm, Lawinengefahr und beinahe erfrorene Nasenspitzen auf dem Tagesplan. Doch irgendwann werden die quälenden und die unbeschwerten Stunden am Monte Rosa wieder zu einer Einheit: Als Erinnerung an unvergessliche Erlebnisse im hochalpinen Schnee. Zauberhaft!

Wer viel Schnee als Unterlage für seine breiten Ski liebt, ist in Saas-Fee genau richtig Die Luft glitzert. Juttas Augen auch. „Soviel Schnee“, seufzt sie. Tatsache. In den vergangenen Tagen hatte es geschneit und geschneit, bis sich die weißen Massen oberhalb von Saas-Fee auf sechs Meter Höhe angesammelt hatten. Gestern noch war das komplette Skigebiet wegen Lawinengefahr gesperrt. Erst heute scheint die Sonne und die Lifte laufen wieder. In der allerersten Gondel saßen wir: Jutta, Bruno, Conny, Julia und ich zusammen mit Peter. Ihm haben wir zu verdanken, dass wir hier sind. Peter Novotny stammt aus einem kleinen Bergdorf bei Karlsbad und ist in Oberbayern aufgewachsen, seit fast 15 Jahren lebt er im Walliser Saas-Fee und ist einer jener Bergführer, die sich hier zum „Saaser Bergführerbüro“ zusammengeschlossen haben. Der Vater dreier Kinder stand schon auf mehreren Achttausendern und ist oft im Himalaya unterwegs. Sein Herz aber schlägt fürs Freeriden, sagt er grinsend: „Und das am liebsten daheim.“ Diese Leidenschaft hat uns überzeugt und so war klar: Wir besuchen Peter.

Als wolle uns die ganze Gegend als Neubürger anwerben wird in diesen Tagen mit Schnee nicht gegeizt. Auch Peter legt sich ins Zeug: Er zeigt uns die vielleicht spektakulärste Variantenabfahrt der Region. Aus der Seilbahn sind wir umgestiegen in die „Metro Alpin“, die hochalpine U-Bahn. Auf halber Strecke des Felstunnels hält der Zug auf 3230 Meter an. Hier darf nicht jeder aussteigen – nur von Bergführern begleitete Gruppen lassen die Bahnmitarbeiter hier raus. Schließlich geht´s hier auch nicht auf die Piste, sondern in einen rauen Bergstollen. Wir schaufeln den Ausgang frei und befinden uns unterhalb einer senkrechten Felswand – und oberhalb des Hohlaubgletschers. „Die Rampe, auf der wir stehen, ist das Abraummaterial, das bei der Sprengung des Tunnels angefallen ist“, erklärt Peter.

Jetzt spüren wir, was wir bereits ahnten: Fast fünfzig Zentimeter lockerster Pulverschnee ist das Ergebnis der jüngsten Schneefälle. Als ob am Boden nicht genug Platz für alle wäre, schweben trockene Kristalle in der sonnendurchfluteten Luft und zaubern ein beinahe übernatürliches Glitzern auf die ohnehin atemberaubende Landschaft. Nicht nur Jutta seufzt. Wir alle sind begeistert angesichts der unverspurten Gletscherfläche vor uns. Peter zeigt uns wunderschöne Flanken gegenüber – es sind die Hänge des Jazzihorn und Stellihorn. Mit Nachbarn wie dem Monte Rosa und dem Matterhorn fallen diese Dreitausender allerdings in die Kategorie „unbekannt“.

Nach einem kurzen Gegenanstieg Richtung Allalingletscher warten 1400 Höhenmeter Abfahrt vom Feinsten auf uns. Vorbei ist die Powder-Orgie der weiten Hänge erst am Mattmark-Stausee auf 2197 m. Als Zugabe folgt darauf noch eine lockere Fahrt durch lichte Lärchenwälder an den Flanken des Tales, das nach Saas-Almagell hinausführt. Den heutigen Triathlon komplettiert ein kleines Doppelstock-Rennen auf der Langlaufloipe. Ziel ist die Kapelle, bis zu welcher die Fahrstraße im Winter geräumt wird. Das kleine Gotteshaus erinnert uns daran, dass die mächtigen Gletscher dieser Berge nicht nur dem Vergnügen der Freerider dienen. 1965 lösten sich während einer Rutschung des Allalingletschers auf einer Breite von mehreren hundert Metern Eismassen und stürzten auf die Baracken an der Staudammbaustelle am Mattmarksee. Zwei Millionen Kubikmeter Eis und Schnee waren damals in Bewegung. Sie türmten sich acht bis zehn Meter hoch über den verschütteten Wohn- und Werkgebäuden – 88 Bauarbeiter wurden damals getötet. Beeindruckt steigen wir ins Taxi und hängen auf der Fahrt nach Saas-Fee ein wenig unseren Gedanken nach.

Es ist noch nicht einmal mittags, als wir wieder da sind. Saas-Fee ist autofrei und deshalb wird hier nur mit liebenswert-altmodischen Elektroautos herumgefahren. Im Jogging-Tempo sind wir damit schnell an der Gondel, auf dem Weg nach oben und am Start zu einer weiteren spektakulären Freeride-Abfahrt: Auf der Gletscherzunge vor der Kulisse mächtiger Spaltenbrüche.

Der nächste Morgen zeigt uns eine andere Seite der Walliser Berge: Es stürmt. Trotzdem fahren wir nach oben, doch schon nach einer kurzen Querung sind unsere Nasenspitzen weiß. „Schnell Aufwärmen, sonst holt Ihr Euch Erfrierungen“, warnt Peter. Eines ist klar: Dieser Tag gehört dem Wald, auf den freien Hängen ist eine Orientierung heute unmöglich, es ist zu kalt – und zudem lawinengefährlich. So werden die Zirbelkiefern und die Lärchen unsere Freunde. Und auch die Fahrten durch die Bäume zaubern ein Glitzern in unsere Augen.

Paradiesisch! Die Täler auf der Südseite des Monte Rosa bieten Freeride-Vergnügen, italienische Gaumenfreuden und Walserkultur. Natürlich ist das keine neue Erkenntnis. In den Bergen ist nun mal nicht immer schönes Wetter. Und doch trifft ein Tiefdruckgebiet jene, die gerade Zeit haben, motiviert und vor allem vor Ort sind, mit Wucht. Uns auch. Da sind wir zu ungewohnter Stunde aus unserer rot-weiß-karierten Bettwäsche im urigen Rifugio Gabiet gekrabbelt, haben mit klammen Fingern die Funktion unsere LVS-Geräte überprüft und sind mit unseren breiten Ski die schattigen, harten Pisten nach Gressoney hinab geschreddert. Schließlich wollten wir früh dran sein, für all die spektakulären Freeride-Varianten im weitläufigen Gebiet „monterosa ski“, zu dem sich die drei Täler Valle d´Ayas mit Champoluc, das Valle di Gressoney und das Valsesia mit Alagna zusammengeschlossen haben: Unter dem Motto Freeride Paradise wirbt Alagna. Und so haben sich die beiden Allgäuerinnen Jutta und Julia mit ihren Schweizer Freunden Bruno und Conny auch die Südseite des Monte Rosa in den Kopf gesetzt, nachdem sie mit dem Bergführer Peter aus Saas Fee die Tiefschnee-Hänge in dessen Heimatort auf der Nordseite des Massivs erkundet hatten. „Ich liebe das Gebiet hier, es bietet unheimlich viele Möglichkeiten für Freerider und Tourengeher“, schwärmt Peter auch von der italienischen Seite.

Motivation also sehr hoch, Aufbruch früh – Enttäuschung groß. Denn als wir in Gressoney am Liftticket-Schalter ankommen, erklärt uns die Frau hinter der Glasscheibe, dass in der Höhe ein heftiger Sturm tobt. „Na gut, hier gibt es eh 1a Cappuccino“, trösten wir uns und kehren ein im Hotel Dufour, das der Ehefrau des örtlichen Bergführerbüroleiters gehört. Der Kaffee ist wirklich gut und Hausherr Carlo zudem äußerst freundlich. Leider hat er keine guten Nachrichten: Die Wetterprognose verkündet weiter starke Winde. Und so werden die Lifte nicht angeschaltet.

Mit einer Ausnahme: dem kleinen Sessellift unterhalb von Gressoney-Saint-Jean. Von Bieltschocke auf 1348 m schaukeln die altmodischen gelben Metallsitze bis auf 2023 m. In dieser Region ist das ein Tallift. Aber was soll´s, wir fahren mit dem Linienbus hin, immerhin scheint hier die Sonne und es ist windstill. Und die Bergstation trägt den verlockenden Namen Weissmatten. Tatsache. Die Bar dort nennt sich zwar etwas mehr italienisch klingend „Wissomatto“, aber in der Karte steht das deutsche Wort. Die Erklärung dafür ist schnell gefunden: Die Täler wurden durch Walser besiedelt. Im 13. Jahrhundert waren die Nachfahren der Alemannen aus dem Oberwallis über die hohen Pässe hierher eingewandert. Sie kamen als Siedler, nicht als Eroberer und arrangierten sich mit der ansässigen frankoprovenzalischen Bevölkerung. Denn die Walser kamen besser mit den unwirtlichen Bedingungen im Hochgebirge zurecht als andere Volksstämme: So bewirtschafteten die Neulinge die höher gelegenen Gebiete im Val d´Ayas, im oberen Valsesia, im Valle Formazza und dem Val di Gressoney, dessen Name wohl auf das deutsche Kressenaue zurückgeht. Die Walser betrieben nicht nur Landwirtschaft, sondern auch Handel mit den Tiefländern und ihren Verwandten nördlich des Monte Rosa. Durch die Jahrhundert blieben sie bei ihrer Sprache, die „Titsch“ oder Toitschu“ genannt wurde, 1983 erreichten die Walser sogar den Status einer anerkannten Sprachminderheit. Heute jedoch finden Touristen nur schwer einen Walser, der noch einen deutschen Dialekt spricht. Stolz auf ihre Tradition und ihre Berge sind die Walser jedoch schon.

Zu Recht, finden wir. Denn selbst das Mini-Skigebiet Weissmatten präsentiert sich sensationell. Auf 700 Höhenmetern bietet es auf breiter Fläche Tiefschneeabfahrten durch Wald der allersteilsten Sorte. Bei vier Meter Schnee lassen wir uns einfach von einem weichen, weißen Kissen ins nächste plumpsen. Doch irgendwann müssen wir zurück in die höheren Berge. Dort tobt immer noch Sturm. Mit dem einzigen aktiven Sessellift erreichen wir die Punta Jolanda. Dort holt uns Sandro, der Wirt der Rifugio Gabiet mit dem Skido ab. Wir hängen uns an die Seile, er zieht uns hinauf. Der Gegenwind ist so stark, dass wir an manchen Ecken nicht weiterkommen und stückeweise hinauf stapfen. Eiskalt ist es, trotz Sturmmaske. Sandro trägt eine kultige Pelzmütze und jubelt, als wir im letzten Licht endlich oben ankommen. Im Kaminzimmer wärmen wir uns auf mit Bombardino, dem wohl italienischten aller Apres- Ski-Getränke aus Sahne, Schnaps und Eierlikör.

Dass sich Gute-Laune-Bewahren lohnt, zeigen die nächsten Tage: Nach dem kurzen Aufstieg zum Passo Zube (2874 m) eröffnet sich uns eine wunderschöne Abfahrt über die alte Walsersiedlung Pianmisura bis hinab nach Alagna. Und dann sind da noch die steilen Couloirs am Passo Salati und die Abfahrt vom Passo Alta Luce ins Vallone di Salza und, und und… eines ist also klar: Schön Wetter ist hier nicht immer, ein Paradies für Freerider ist es trotzdem!